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elf
elfenbein
2012
bitumen & latex on brutalism

 

 

 

“Wer den Turm liebt, malt ihn an”

(…) Dass der Turm als ein solch besonderer Raum gesehen wurde, wurde erst relativ kurz vor seiner Schließung durch ein Graffito an seiner Fassade, nach außen getragen: Der riesige Schriftzug ELFEnbEin wurde Ende 2012 über dem obersten Stockwerk über die gesamte Breite der West- Fassade angebracht. Elfenbein ist nicht nur wertvoll und selten. Der Begriff der Elfenbeinturms ruft Assoziationen eines abgeschiedenen, der Gesellschaft entzogenen Hortes der Wissenschaft hervor und unterstreicht somit das Bild des Turms als einen Rückzugsort für kritisches Denken. Dieses Fassaden- Graffiti kann als eine Art Umbenennung verstanden werden, wurde doch in vielen Medien im Zuge der Schließung und Sprengung des Turms nicht mehr nur vom AfE- Turm sondern auch vom “Elfenbeinturm” gesprochen. Eine solche Umbenennung durch Graffiti “verändert die Perspektive, bewirkt einen anderen Blick auf das gleiche Environment” (Neumann 1986:203).

Norma Schneider

In:  Ruokonen-Engler/ Pohl/ Dichtl/ Lütgerns/ Schommer (Hrsg.), Turmgeschichten, Münster 2015

 

Elfenbein-Turm

Eines Tages auf dem Weg in mein Büro – ich biege von der Bockenheimer Landstraße in die Schwindstraße ein, die auf den Beethovenplatz führt, dann links in die Schumannstraße, rechts in den Kettenhofweg, vorbei am IVI – sehe ich schon von weitem, dass etwas neu ist am Turm, ein Graffiti, ein riesiges Graffiti thront dort oben und es besteht nur aus einem mit Wandfarbe grob in weiß mit schwarzer Umrandung aufgetragenen, gerollerten Wort: ELFENBEIN!

Elfenbein, niemals wäre ich darauf gekommen, aber schlagartig wurde mir klar, dass kein Wort existierte, welches so gut zum Turm passte wie dieses. “Unser Turm”, das ist der Slogan einer ganzen Generation von Sozial- und Kritischen WissenschaftlerInnen, die in Frankurt studiert haben. Es ist auch der Slogan und das Lebensgefühl meiner Generation – Menschen, die ab dem Jahre 2000 dort ihre ersten Schritte an der Uni machten. Im Tuca im Erdgeschoss traf sich zu jener Zeit eine elitär-offene Gruppe von Andersdenkenden, die man an keinem anderen Ort, weder in Frankfurt noch sonstirgendwo in Deutschland, finden konnte. Wir hatten beim Streik 2003 oft das Wort verwendet und behauptet, die Universität würde immer mehr zu einem Elfenbeinturm. Gemeint war damit die Methaper eines Ortes der geistigen Abgeschiedenheit – ja, dies wollten wir nicht mehr haben, stattdessen eine politische Wissenschaft, eine Einmischung der Studierenden und aller Universitätsmitglieder und ein gemeinsames Agieren gegen die ungerechte kapitalistische Verwertungsgesellschaft. Nicht mehr nur diese Welt erklären aus der Distanz eines davon unbelasteten Geistes des Elfenbeinturm, nein, betroffen sein und handeln – für ein besseres Leben für alle. Und die Tendenz des Ganzen wurde mir bei Ankunft bei den Fahrradständern am Turm klar: dieser Umzug bedeutete selbstverständlich noch mehr die Spezialisierung der Wissenschaft bis/hin zum Fachidiotentum, noch mehr Verbarrikadieren in weltfremde Theoriegebäude, noch mehr Karriere statt Leidenschaft, weniger Freiräume.

Jedesmal, wenn ich dann zum Turm hinaufsah, wurde mir diese Doppelbedeutung des Wortes bewußt und bald schon hatte ich das Graffiti richtig lieb gewonnen. Anfangs dachte ich noch, dass es eventuell wieder verschwinden würde – aber hier ging es wie mit dem Rest des Turm: kein Cent wurde mehr investiert.

Deswegen sage ich: Danke für dieses Wort, das selbst bei der Sprengung des Turms noch einen Fixpunkt für mich darstellte. Für mich hat es immer bedeutet, dass ich nicht allein bin mit meinen Erinnerungen an Fahrstuhl-Begegnungen, Tuca-Abende, Autonome Tutorien, Flurgespräche, Treppenhaus, die Seminarräume der Frauen- und Geschlechterforschung, Adorno-Lektüre im 33. Stock, Turm-Partys, Streiks und sooo vieles mehr…

 

Claudia Willms, Frankfurt am Main 2015

 

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